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Donnerstag, 12.11.2015

Wunderbar, wunderbar!

Kiezrallye mit Flüchtlingskindern

Startkreis auf dem Schulhof der Leo-Lionni-Grundschule
Die Baumgruppe überquert eine der beiden Straßen zum Telux
Gruppenfoto vor dem Telux
Über die bewältigten Herausforderungen wird penibel Buch geführt
Die Baumgruppe bei der Auswahl des Wunschobstes
Noch ein Foto und dann Abbeißen!
Abschlusskreis in der Baptistenkirche
Die Tendenz ist deutlich: Klar macht eine Kiezrallye Spaß!
Auch die Lehrerinnen sehen zufrieden aus

Mein Kiez. Mein Kiez hat einen Duft, einen typischen Klang, eine spezielle Farbmischung. Meinen Kiez erkenne ich unter hunderten sofort. Ich mag meinen Kiez und mein Kiez mag mich. Mein Kiez ist da, wo ich aufgewachsen bin. Aber bin ich noch da?

5. Oktober 2015, Leo-Lionni-Grundschule. Treffpunkt 9 Uhr, direkt nach der ersten Stunde. Drei Frauen stehen schon vor der Tür, Kinder sind noch keine da. Zeit für ein kurzes Kennenlernen. Kerstin Falk und Johanna Uebel von "Wir gestalten e. V." und Johanna Seeger von "youmewe e. V." sind ein wenig aufgeregt, denn gleich soll die Kiezrallye starten. Mit Kindern aus dieser Schule. Das ist soweit nichts besonderes, aber was die Sache speziell macht, ist dass auch Kinder aus Willkommensklassen, auch Sprachlernklassen genannt, dabei sind. Also Kinder, die als Flüchtlinge hierher kamen und die als wichtigsten Unterrichtsstoff zunächst das Erlernen der deutschen Sprache im Stundenplan haben. Die Idee dabei ist, dass die Kinder, die schon lange hier zuhause sind ihren neuen Schulkameradinnen und –kameraden ihren Kiez zeigen.

Plötzlich geht die Tür auf und, wie das bei Kindern so ist, nichts ist mehr so wie gerade. Rufen, rennen, lachen, einander necken, im Nu haben die Kleinen den Platz erobert. Es kostet die nun auch anwesenden Erzieherinnen und Lehrerinnen einige Zeit und Mühe, die Kinder soweit zur Ruhe zu bringen, dass sie sich im Kreis aufstellen und die Aktion beginnen kann. Erster Programmpunkt ist sich den anderen vorzustellen. Dazu gibt es einen kleinen Ball, der von Kind zu Kind geworfen wird, wobei die Fänger des Balls ihren Namen laut nennen. Im Chor wird der Name nachgesprochen. Nachdem alle an der Reihe waren – bei gut 30 Kindern blieben nicht wirklich viele Namen hängen – teilen sich die Kinder mit Hilfe von mitgebrachten Karten in vier Gruppen auf. Es gibt die Sonnen-, die Baum-, die Vogel- und die Hausgruppe, die jeweils von einigen Erwachsenen begleitet die Tour mit kleinen Aufgaben angehen. Anhand von Bilderrätselkarten sollen sie ihr Umfeld erkunden und dabei die anderen Kinder spielerisch kennen lernen.

Ich schließe mich der Baumgruppe mit den Kindern Hazan, Malak, Rafael, Efekan, Halil und Albina an. Begleitet von der Schulsozialarbeiterin Frau Seiler (tandemBQG) setzt sich die kleine Gruppe in Bewegung. Erste Aufgabe: auf zur Turnhalle! Zügig rennen die Kinder die drei Treppen bis zur Turnhalle hoch. Dort endet gerade der Unterricht für eine andere Klasse, die uns verschwitzt entgegen kommt. Schwer ist die Luft in der Halle; aber die Aufgabe ist ganz leicht. Jede Gruppe hat eine kleine Digitalkamera bekommen, um die Rallye zu dokumentieren. Nun sollen sie als erstes Quatschfotos von allen Baum-Kindern machen. Herrliche Grimassen, Zungen werden weit heraus gestreckt, Augen schielen, Kinnladen krampfen. Mit Bravour meistern die Kinder ihre erste Hürde, ständig belustigt über die „funny Faces“ der anderen.

Schnell wendet sich die Gruppe nun der nächsten Herausforderung zu. Ziel ist der Abenteuerspielplatz Telux, es sollen die auf der Strecke zu überquerenden Straßen gezählt werden. Kein Problem, bis zwei können alle zählen und der Weg dahin ist durch viel Albereien, freundschaftliche Neckereien und vorsichtiges Begutachten der noch unbekannten Kinder ganz kurz. Gerade die Fotosessions – vorm Telux ist die nächste – bringen die Kinder einander näher. Fotograf ist zumeist der kleine Hazan, ein Kind aus der Willkommensklasse der Klassenstufe 3./4., aus der alle drei Neuberliner kommen. Interessant ist, dass die Erwachsenen die Kinder aus Migrantenfamilien bisweilen als Dolmetscher anfragen – übrigens nicht immer mit Erfolg. Offensichtlich ist Deutsch bei den Kindern jedenfalls zum Teil schon tiefer verwurzelt als die Muttersprache der Eltern. Aber gerade die Kinder mit arabischsprachigem Hintergrund können sich mit einigen der Flüchtlingskinder auch ohne auf Deutsch zurück zu greifen verständigen, das hilft natürlich in mancher Situation. So entwickeln die Migrantenkinder, die schon lange im Wedding leben ein Selbstverständnis als Vermittler und Ansprechpartner für die neu hinzugekommenen Flüchtlingskinder. Es ist nicht ihr erster Kontakt zu Kindern aus Flüchtlingsfamilien. Die Lehrerin der „Lernfamilie“ aus 4., 5. und 6. Klasse, Heide Kaschowitz, erzählt, dass sie bereits das Flüchtlingsheim in der Turmstraße besucht hätten. Für viele der Schülerinnen und Schüler sei dies ein sehr eindrückliches Erlebnis gewesen, über das noch länger in der Klasse diskutiert wurde. Ziel nicht nur der Schule sei es, den Kindern ein Verantwortungsgefühl für die neuen Nachbarn zu vermitteln. Kerstin Falk, Öffentlichkeitsarbeiterin bei Wir Gestalten e. V., sagt: „Nach einer Kennenlernphase, die durch unterschiedliche Freizeitaktionen gestaltet wird, wollen wir die Flüchtlingskinder in 1:1 Patenschaften vermitteln, damit sie Unterstützung beim Erlernen der deutschen Sprache bekommen und eine Vertrauensperson an der Seite haben, die ihnen hilft, sich in einem fremden Alltag zu orientieren.“

Zurück zur Rallye, denn die ist noch lang nicht vorbei. Die nächste Station schult den Alltag und trägt nebenbei etwas zum Gesundheitsbewusstsein der Kinder bei. Jedes Kind bekommt einen Euro in bar, um davon frisches Obst zu kaufen; zum Sofortverzehr. Interessiert nähern sich die Kids einem Obst- und Gemüseladen in der Triftstraße, vergleichen Preise, wägen ab, worauf sie Appetit haben und wiegen ab, was sie ausgewählt haben und legen das Ausgewählte in einen Korb. Zwei Mädchen aus der Willkommensklasse gehen in den Verkaufsraum, um das Obst nun auch amtlich zu erwerben. Man sieht den Kindern an, dass sie Spaß daran haben, am Aussuchen, Diskutieren, Wiegen, Bezahlen – um so mehr, als das erworbene Obst Anklang findet. Alle Kinder beißen beherzt in ihr Obststück, bemerkenswert ist nur, dass der eine Euro pro Kind bei weitem nicht ausgegeben wurde. „Schmeckt Mega!“, freut sich Efekan über den ersten Bissen von seinem Apfel.

So gestärkt heißt es nun weiterziehen. Nächste und Schlussstation ist die Baptistenkirche in der Müllerstraße, wo sich alle Gruppen treffen. Auf dem Weg dorthin sollen die kleinen Detektive die Zahl der Bushaltestellen ermitteln, es sind drei, wenn man die Nachtbushalte einrechnet. Auf solcherlei Haarspalterei hat heute keiner Lust und so sind ohne Punktabzug alle guter Stimmung beim Betreten der Baptistenkirche. Diese hat eine lange interreligiöse Tradition, immer wieder und permanent sind hier Kinder anderer Religionen zu Gast, etwa beim Kiezcafé oder bei der Hausaufgabenhilfe. Auch der Verein "Wir Gestalten" ist hier zuhause. Viele Kinder kennen den großen Raum mit der Kletterwand bereits und stürmen in die Kirche. Auch hier gruppieren sich Kinder und Erzieherinnen wieder im Kreis, diesmal sitzend. Zunächst wird das Guten-Morgen-Lied gesungen, dass die Kinder alle aus der Schule kennen. Alle singen begeistert mit, egal, wie gut ihre Aussprache und wie groß ihr Textverständnis ist. Hier bekommt man einen Eindruck davon, welch verbindende Kraft Musik haben kann – eine unbedingte Empfehlung an alle, die in den nächsten Monaten und Jahren mit der Integration der Flüchtlingskinder zu tun haben werden.

Was danach folgt, ist tatsächlich rührend. Die Kinder sind dazu aufgefordert, in den Kreis zu treten und diejenigen Menschen zu nennen, die sie an diesem Morgen kennen gelernt haben. Und ausnahmslos alle der Kinder, die in den Kreis treten (das waren fast alle) legen großen Wert darauf, ihre Gruppen vollständig in den Kreis zu rufen, und zwar mit den richtigen Namen der Angesprochenen. Klar, dass sie sich dabei ein bisschen verhaspeln und dass nicht jeder Name gleich sitzt. Aber wir als Beobachter erfahren, wie wichtig den Kindern eine korrekte Wahrnehmung ihres Gegenüber ist und dass Respekt vor den anderen bei allen Kindern vorhanden ist. Youmewe e.V. arbeitet ständig daran, Kinder aus beiden Welten einander näher zu bringen, wie der Untertitel "Flüchtlingskinder & Kinder von hier e. V." verrät. Johanna Seeger, die heute auch von vielen Kindern als neue Bekannte in den Kreis gerufen wurde, ist sehr zufrieden mit dem Verlauf der Rallye. Das Konzipieren von Kiezrallyes gehört zum festen Repertoire des Vereins, der die hiesige Rallye im Rahmen des von der Robert Bosch Stiftung geförderten Projektes „HIER“ (Herkunft, Identität, Entdeckung (von) Räumen) des Vereins WIR GESTALTEN e.V. veranstaltet hat. Youmewe arbeitet ehrenamtlich und wurde im Herbst 2014 in Berlin gegründet. Ziel des Vereins ist es, Asylbewerber und Flüchtlinge mit den "Ureinwohnern" zusammen zu bringen. So auch bei dieser kleinen Kiezrallye. Die "Alt-Weddinger" konnten ihren neuen Nachbarn ihren Kiez vorstellen. Und nun gibt es Hoffnung, dass er irgendwann auch deren neuer Kiez wird.

Zum Schluss die alles entscheidende Frage an unseren Fotografen aus der Baumgruppe: Hat's dir denn Spaß gemacht, Hazan? "Wunderbar, wunderbar!"

Text und Fotos: Johannes Hayner
 
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