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Mittwoch, 19.12.2007

Wie schrecklich ist der Sprengelkiez? Empörung nach Abendschau-Beitrag

Müll
Wilde Müllablagerungen - ist der Sprengelkiez deshalb besonders schlimm?

Am 29.11.2007 brachte die Abendschau eine zweiminütige Sendung über den Sprengelkiez, die so manchen in Rage brachte. Mehrere Bürger/innen und Institutionen aus dem Kiez wandten sich protestierend an den Sender RBB. Wir veröffentlichen dazu einen offenen Brief des freien Autors Jörg Reinhard

Anscheinend hat der vielfache Protest doch geholfen:

Der RBB hat nun am 15.12. einen freundlicheren Beitrag hinterher geschickt.

Hinweis: Beide Filme sind mittlerweile nicht mehr im Netz zu finden.

Offener Brief an die RBB-Redaktion von Jörg Reinhardt

Sprengelpark
So schön kann es bei uns auch sein - z.B. im neuen Sprengelpark.

Betrifft: Berliner Abendschau vom 29.11.2007 - Berliner Sozialatlas - Sprengelkiez

Sehr geehrte Damen und Herren,
keinesfalls möchte ich einen der üblichen Mecker- und Beschwerdebriefe schreiben - eigentlich wollte ich gar nicht schreiben, doch dann überwog mein Erstaunen über die o.g. Berichterstattung. Natürlich kann man in einem dreiminütigen Beitrag keinen ausführlichen Überblick über einen  „Problembezirk" geben, hier empfand ich jedoch die journalistische Aufarbeitung eines Themas mehr als grenzwertig. Was haben wir gesehen:

  • der Blick auf eine ausgebrannte Wohnung, die noch nicht wieder verglast war. Geeignet, einen zusammenbrechenden Kiez zu vermuten. Vielleicht hat aber die Versicherung noch nicht bezahlt, oder die Hausverwaltung geschlampt?
  • die Kamera hält auf eine nicht vermietete Gewerbeimmobilie. Allerdings eine der wenigen hier, denn gerade in den letzten fünf Jahren hat es einen Anstieg der Gewerbeansiedlungen gegeben;
  • eine zerbrochene Scheibe wird gezeigt;
  • eine Frau redet über eine Schlägerei auf dem Sparrplatz;
  • eine frustrierte Hauswartsfrau konstatiert, wenn nicht was passieren würde, kippt der Kiez;
  • der Bürgermeister ergeht sich in Allgemeinplätzen;
  • der Bürgermeister besucht (ja was eigentlich?)

Abspann, betroffenes Gesicht der AB-Moderatorin mit einem Kommentar, als hätte man soeben einen Bericht aus der Hölle gezeigt.

Blumenbeet
Für das Image tun die Bewohner und das QM Sparrplatz eine Menge - hat es sich gelohnt?

Gesehen hat der Zuschauer zwei oder drei Drehorte, die etwa 100 Meter auseinander lagen. Dem Eingeweihten ist das schon klar, dem Außenstehenden nicht. Vielleicht hätte man vor den Dreharbeiten lokalisieren sollen, wo sich der „Sprengelkiez" befindet. Dann hätte man herausfinden können, dass es so gut wie keine freien Wohnungen in Nordufer- und Torfstraßennähe gibt, eben weil der Kiez recht beliebt ist. Man hätte sich auch neuen Park (Eröffnung 2007) anschauen können, den Europaradwanderweg, man hätte die funktionierenden Integrationsprojekte besuchen können, sich mal beim Kiezrat melden können, sich über die Sprengelwochen unterhalten, im Sprengelhaus gleich mehrere Angebote (Gesundheit, Computerkurse, Sprachförderung etc.) ansehen können, gegenüber in der Osterkirche mit den Leuten von „Laib und Seele`` reden und sich über das Kulturangebot unterhalten können. Vielleicht auch noch nachfragen, warum hier so viele Schreiber, Maler und Musiker wohnen. Ihre Mitarbeiter hätten vielleicht in der Arbeitskrafttauschbörse sogar noch jemanden gefunden, der ihren Computer repariert. Die Kollegen von der Kiezzeitung wären sicher auch gesprächsbereit gewesen. Und das alles in einem Rahmen von ca. zwei Quadratkilometern.

Selbstverständlich hat der Kiez die von Ihnen berichteten Probleme.

Gewaltbereitschaft von Jugendlichen gehört genau so dazu wie Alkoholprobleme und die im Vergleich hohe Arbeitslosigkeit. Das ist nicht wegzuleugnen, ganz im Gegenteil. Aber all' die von mir angesprochenen Bemühungen, diesen Kiez lebenswert zu machen sind und waren Initiativen der Bewohner, die eben nicht wollen, dass der von Ihrem Team erstellte Bericht zum status quo wird. Egal, ob nun eine Reportage zwei Minuten oder zwei Stunden dauert, ich habe mal gelernt, dass gründliche Recherche die Grundvoraussetzung für seriösen Journalismus ist. Gegen diese Regel wurde hier eklatant verstoßen. Nun wäre das ja nicht so schlimm, wir werden täglich durch die Medien mit dieser Art von Berichterstattung „versorgt". Das jedoch die öffentlich-rechtlichen hier auch ihre Sorgfalt vermissen lassen, befremdet ein wenig.

Unter dem Strich bleibt nur dieses bedauerliche Resultat: Medien machen Meinung, mit Ihrem Bericht haben Sie diesem Kiez geschadet. Er war eine schallende Ohrfeige für alle die Bewohner, die sich in freiwilliger und ehrenamtlicher Arbeit um dieses kleine Berliner Planquadrat kümmern. Der Zuschauer wird sich wohl bei Interesse vor Ort ein Bild machen müssen. Sie wissen selbst, wieviele das sein werden.

Mit freundlichen Grüssen

Jörg Reinhardt, freier Autor

Text: Jörg Reinhardt, Fotos: Anne Wispler
 
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