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Donnerstag, 07.05.2015

Wie im Kino

Der Jugendhilfeausschuss der BVV zum Ortstermin auf der Kinderfarm Wedding

Versammlung am Nachmittag: Vor-Ort-Termin auf der Weddinger Kinderfarm
Die Abgeordneten der BVV: Susanne Fünfstück (Die Linke), Udo Sack (SPD), Tilo Siewer (Die Grünen) und Florian Schwanhäußer (CDU)
"Die Farm soll bleiben" fordern die Kinder
Das Unbehagen ist mit Händen zu Greifen
Siggi Kühbauer, Leiter der Weddinger Kinderfarm
Siggi Kühbauer und Udo Sack im Disput
"Nicht betreten" - heißt es so bald für die jetzigen Betreiber?
Die Ponys werden natürlich weiter gestriegelt
Pudelwohl fühlt sich hier niemand - vielleicht nicht mal dieser Hund

Ein ominöser Brief, ein oder zwei verschwundene Mitarbeiter, die aber auch einfach gekündigt haben könnten, ein Raunen über Korruptionsvorfälle, zwei sich unversöhnlich gegenüberstehende Personengruppen - sind wir hier in einem Agententhriller gelandet?

Mitnichten. Wir sind Gäste beim Vor-Ort-Besuch von Mitgliedern des Jugendhilfeausschusses und der BVV Mitte am 28. April in/auf der Weddinger Kinderfarm. Man kennt sich, duzt sich zum Teil. Und man steht sich gegenüber wie im Showdown eines Western, dicht umringt von einer Schar aus Kindern, Eltern und interessierten Nachbarn. Eine Traube von dreißig bis vierzig Menschen steht auf dem lehmigen Grund des Bauernhofes, bestimmt eine Stunde. Das agierende Personal: Mitarbeiter der Weddinger Kinderfarm, angeführt von Siggi Kühbauer und  ihnen gegenüber die Viererkette der BVV, bestehend aus Susanne Fünfstück (Die Linke), Tilo Siewer (Die Grünen), Udo Sack (SPD) und Florian Schwanhäußer (CDU).

Tatsächlich beinhaltet der Gesprächsgegenstand einige Dramatik: Die Leiterin des Jugendamtes Mitte, Sabine Smentek, hat dem Betreiber der Kinderfarm Wedding zum 30. April 2015 gekündigt und nun, zwei Tage vor Ablauf der Frist, gibt es einen Termin zur Klärung der Lage. High Noon am Nachmittag.

Einige Dinge scheinen völlig außer Frage: Die Kinder stehen zu den derzeitigen Betreibern der Kinderfarm und vor allem zu Siggi Kühbauer. Zudem unterscheidet sich die Interpretation der Sachlage in beiden Lagern fundamental. Was für die einen Fakten sind, das entpuppt sich für die anderen schnell als Unterstellung oder gar Lüge. Höhnisch lachend werden Redebeiträge der Gegenseite interpretiert, immer wieder wird die Formulierung "Das werden wir vor Gericht sehen!" bemüht. Und dann noch die wechselseitigen Vorwürfe, die Kinder für die eigenen Anliegen zu instrumentalisieren …

Einem unvorbereiteten Beobachter ist es unmöglich, einen objektiven Blick auf die Gemengelage zu bekommen. Selbst die Akteure scheinen sich bislang in ihren Argumenten zu verheddern. Außerdem ist die Diskussion in einem Stadium angelangt, wo Phonstärke Argumentationsstärke übertrumpft. Udo Sack gebraucht dafür ein passendes Bild: „Zwei Züge rollen aufeinander zu.“ Passt ja auch aktuell, fragt sich nur, wer von den Gegenseiten GdL und wer Bahn ist.

Bei dem ganzen Schlamassel ist unbestritten, dass die Kinderfarm ihren Dokumentationspflichten für die Verwendung der öffentlichen Zuwendungen nicht im geforderten Maße entsprochen hat. Über die Schwere bzw. die Bedeutung dieses Versäumnisses bestehen unterschiedliche Auffassungen. Das Amt macht immer wieder eingeforderte Unterlagen und wiederholt eingeräumte Fristen geltend. Die Kinderfarm kontert mit einem über das Erträgliche hinaus geforderten Kassenwart - 3 Kinder, Friedensaktivist in der Ukraine-Krise, darüber hinaus Ehrenamtler - und wird doppelt grundsätzlich. Zum einen erschwere Berlin sozialen Einrichtungen die Arbeit durch immer neue Auflagen für die Abrechnung, zum anderen versäume das Land seit Jahren, der Jugendarbeit die gesetzlich festgelegten Mittel zukommen zu lassen, worunter natürlich auch die Kinderfarm zu leiden habe. Und warum - so Siggi Kühbauer - darf das Land permanent ungestraft gegen gesetzliche Vorgaben verstoßen, ein kleiner Verein werde aber schon für geringe Versäumnisse überhart sanktioniert?! Tatsächlich ist es so, dass die Abrechnungsbürokratie immer wieder gerade kleinere Unternehmen vor erhebliche Probleme stellt.

Zudem erregt das Vorgehen des Jugendamtes die Großstadt-Landwirte: Einen Tag, nachdem der Jugendhilfeausschuss der BVV der Kinderfarm eine Wochenfrist für eine Erklärung zur Abgabe der fehlenden Unterlagen eingeräumt habe, sei die Kündigung der Amtsleiterin in der Luxemburger Straße eingetroffen. Ein unglücklicher Zusammenhang, wie die BVV-Vertreter zugeben, aber dennoch nachfragen, warum sich Kühbauer dann nicht an die Frist gehalten habe sondern diese ungenutzt verstreichen ließ. Bei Betrachtung aus der Distanz kann man beiden Sichtweisen etwas abgewinnen …

Einen Fingerzeig, was die Demission der Kinderfarm-Betreiber für die wirklich Betroffenen, die Kinder, bedeuten würde, bekommt man aus deren Wortmeldungen. Praktisch keines der bestimmt 15 Kinder kam in seinen Auslassungen ohne die Bemerkung aus, dass sie eine Kinderfarm "ohne den Siggi" nicht mehr aufsuchen wollen. Die Ausschussmitglieder - Hut ab übrigens für den Mut, sich dieser Situation zu stellen - reagierten darauf mit eher ratlosen Gesichtern. Und auch wenn sie betonen, dass ein Trägerwechsel möglich sei und der neue Träger das gestandene Personal übernehmen könnte: Wie soll das funktionieren angesichts offensichtlich seit Jahren ungeklärter Eigentumsfragen an den im Laufe der Jahre entstandenen Gebäuden?!

Am Ende lässt das Treffen wohl alle etwas hilflos zurück. Und es bleibt die Frage, ob der Bezirk nicht besser daran getan hätte, einem seit Jahrzehnten um die Kinder und Jugendlichen des Kiezes verdienten Träger ein Stückchen weiter entgegen zu kommen als es die übliche Praxis beinhaltet. Nun ist viel Porzellan zerschlagen, eventuell geht es mit einem Güteverfahren vor Gericht weiter, bei dem auch der "Gesamtkonflikt" geklärt werden soll. Inzwischen ist die Trägerschaft für die Kinderfarm öffentliche ausgeschrieben, Sigi Kühbauer und sein Team arbeiten erstmal weiter. Ende offen …

Aber egal ob man die Sache als Thriller, Western oder Tarifstreit ummantelt: Bitte denkt an die Kinder im Kiez! Denn wer anders als sie braucht die Weddinger Kinderfarm.

Text und Fotos: Johannes Hayner
 
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