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Dienstag, 28.07.2015

Neue Nachbarn stellen sich vor

Informationsabend des Roma Kulturrad Berlin

Slobodan Savic bei seiner Eröffnungsansprache

Der Roma Kulturrad Berlin e.V. ist der älteste Verein für Roma in Berlin. Seit Ende 2014 sitzt der Roma Kulturrad Berlin nun mit einem kleinen Büro im SprengelHaus. Weil Nachbarn neugierig nachfragten und weil der Verein ohnehin mehr nach außen treten und sich am Kiezleben beteiligen möchte, kam es am 8. Juli 2015 zu einem Informationsabend mit anschließender Verköstigung.

Im seidigen Halbdunkel – die lichtdurchlässigen Vorhänge waren wegen Beamergebrauches geschlossen – eröffnete der Vereinsvorsitzende Slobodan Savic den Abend mit einer frei gehaltenen Ansprache. Dies offensichtlich nicht ganz freiwillig, weil ein technisches Problem den Einsatz des Beamers verhinderte. Egal, der Mann war gut drauf und versteht es, unterhaltsam und interessant zu sprechen. Er ging in seiner Rede unter anderem auf die Probleme der Roma in Berlin, auf die Probleme der Berliner mit den Roma und auf das Verhältnis zwischen deutschen Sinti und balkanstämmigen Roma ein. Zunächst präsentierte Slobo, wie ihn hier alle nennen, einen bemerkenswerten Satz: „Nachbarschaft ist meistens mehr wert als Familie.“ Dies aus dem Mund eines Roma zu hören, deren Familienbindung doch traditionell als ausgesprochen stark gilt, war schon überraschend. Aber Savic und sein Verein sind in der Nachbarschaft des SprengelKiezes äußerst aktiv. Gerade Slobo als langjähriger Quartiersrat, Mitglied der Kiezboten-Bürgerredaktion und neuerdings Interessent am Runden Tisch SprengelKiez kann vielen alteingesessenen Weddingern in Sachen Engagement ein leuchtendes Vorbild sein. Dem entsprechend macht Slobos Doppelappell auch Sinn, einerseits an die Roma, sich der Nachbarschaft zu öffnen, andererseits an die Nachbarschaft, mit offenen Ohren, Augen und Armen auf die Nachbarn zuzugehen. So warb Savic um Verständnis für das Volk der Roma. Er kritisiert, dass die Roma sich „schminken“ müssten, ihre Kultur verstecken müssten, um akzeptiert oder wenigstens gelitten zu werden. Auch im sozialen Bereich habe sich eine Art Rassismus breit gemacht. Die Roma seien gut als Klientel, nicht als Beteiligte an Projekten. Also: Stellt Roma für die soziale Arbeit mit Roma ein! Stattdessen höre er immer wieder folgenden Satz: „Slobo, hast Du 10 Roma, dann machen wir ein Projekt.“ Dabei helfen konkrete Bildungs-Maßnahmen mehr als die oft diffusen Projekte mit unsicherem Erfolg. Zum Beispiel ein bestandener LKW-Führerschein oder gar eine abgeschlossene Berufsausbildung sind greifbare und vorzeigbare Erfolge, die Perspektiven bieten. Und das nicht nur in Deutschland.

Im weiteren Redeverlauf erläuterte Slobodan Savic, dass "Rom" die nationale Identität von Menschen bezeichne, ähnlich wie "Deutscher". Bekannte Künstler mit Roma-Wurzeln seien unter anderen Picasso, Django Reinhardt, Elvis Presley und Charlie Chaplin. So individuell wie diese Künstler seien, so individuell ist jeder Mensch und auch jede und jeder Rom, also nochmals die Bitte, die Roma nicht pauschal zu bewerten.

Savic selbst ist seit 1992 aktiv in der lokalen Politik. Damals herrschte eine chaotische Situation, weil so viele Menschen vom Balkan vor dem Krieg nach Deutschland flüchteten. Darunter waren besonders viele Roma, weil diese zwischen allen Fronten standen. Aber die hier angekommenen Flüchtlinge vom Balkan verstanden sich mit ihren deutschen Brüdern und Schwestern, den Sinti, nicht immer gut. Nach Savic' Auffassung scheiterte an den überzogenen Forderungen der deutschen Sinti zum Beispiel auch eine Entschädigung der Roma für die erlittenen Traumatisierungen und Verluste im Holocaust.

Zunächst gab es viel Beifall für die Rede des Vereinsvorsitzenden, dann gab es Raum für Fragen. Dabei ging es vor allem um die Frage der Erwartungen der Roma an ihr neues Domizil, welche Erwartungen die Roma an ihre Nachbarn im SprengelHaus konkret haben und was genau der Vereinszweck sei. Leider war die Konversation etwas schwierig, weil Slobodan Savic immer wieder zur Vorbereitung des nachfolgenden Buffets verschwand und so die Fragen zum Teil ins Leere liefen.

So ging es weiter mit einem kurzen Vortrag über die Künstlerin Ceija Stojka (1933 bis 2013). Die Autorin, Malerin, Zeichnerin und Musikerin aus Österreich war die Tochter eines Pferdehändlers und einer Hausiererin und Handleserin. Als Kind wurde sie nach Auschwitz deportiert, wo sie später – wenige Tage vor der Liquidation des „Zigeunerlagers“ dort – nach Ravensbrück verschickt wurde. In Bergen-Belsen wurde sie schließlich von den Engländern befreit. Die traumatischen Erfahrungen des Holocaust an ihrem Volk begleiteten Ceija Stojka über Jahrzehnte, bis sie in den 80er Jahren ihr erstes Buch „Wir leben im Verborgenen“ schrieb, das gleich ein großer Erfolg war.

An dieser Stelle wurde die Präsentation unterbrochen, weil es dringende Nachfragen gab nach dem Selbstverständnis des Vereins und der Roma und nach ihren Erwartungen an das SprengelHaus. Leider war das Publikum an diesem Punkt schon relativ müde, sodass alle erleichtert waren, als zwei Musiker auf die Bühne traten und begannen, zu musizieren. Sinti-Jazz-Musiker Roman Herzberg (Gitarre) und Tommy an der Violine spielten großartig im Django Reinhardt-Stil auf und begeisterten das Publikum, vor allem einige anwesende Roma, die lautstark Beifall spendeten. Auch von Slobo gab es mehrere spontane Umarmungen als Danksagung an die Musiker.

Während die Musik spielte, tafelten zwei Savic-Töchter ein unerhört leckeres Buffet auf, das sie selbst zubereitet hatten. Kaum verklangen die letzten Töne, war das Essen dicht belagert und alle lobten die balkanischen und nichtbalkanischen Köstlichkeiten. An der Menge der aufgetischten Speisen konnte man sehen, dass der Roma Kulturrad Berlin mit mehr Zuspruch aus der Bevölkerung gerechnet hatte. Dies ist auch der heikelste Punkt in diesem Zusammenhang. Wie so oft werden die inhaltlich guten, informativen und auch unterhaltsamen Angebote im Kiez nur von den gleichen Besuchern wahrgenommen.

Nun, alle die nicht gekommen sind haben einen guten Informationsabend verpasst, der vor allem mit kulturellen und kulinarischen Highlights punkten konnte.

 

Kontakt zum Roma Kulturrad Berlin e.V.

Slobodan Savic

Tel. 0157 - 537 030 16

E-Mail: info[at]rroma-kultur-rad[.]de  

Die Veranstaltung des Roma Kulturrad Berlin im SprengelHaus

Die Musiker Roman Herberg (Gitarre) und Tommy (Violine) brachten gute Stimmung

Ein leckeres Buffet mit selbstgemachten Spezialitäten für die erschöpften Gäste

Arbeiten von Ceija Stojka wurden herumgezeigt

Das Musikerduo Roman Herzberg und Tommy

Schattenriss mit Violine

Slobodan Savic bei seiner Eröffnungsrede

spontane Umarmung für den Musiker

Text und Fotos: Johannes Hayner
 
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