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Mittwoch, 27.07.2016

„Ich vergleiche das Verstetigen der QM-Gebiete immer mit einem Krankenhaus...“

Maj-Lis Linde

Maj-Lis Linde, Diplom-Architektin, arbeitet im öffentlichen Dienst seit 1983, zunächst in Steglitz, später Tiergarten. Seit der Zusammenlegung von Mitte, Wedding und Tiergarten sitzt sie im Rathaus Wedding.
Seit 2005 betreut sie das QM-Gebiet Sprengelkiez.


Frau Linde, was genau sind Ihre Aufgaben?

Ich betreue für den Bezirk Mitte die QM-Gebiete Magdeburger Platz, Sparrplatz und seit neustem (April 2016) Badstraße. In Zusammenarbeit mit der Senatsverwaltung arbeite ich eng mit dem QM-Team zusammen, andererseits besteht enger Kontakt zu den Kolleg*innen aus den Fachverwaltungen im Bezirksamt. Wenn es eine Projektidee gibt, die neu ist, wird diese dem Fachamt vorgestellt. Und wenn das Fachamt sagt: "Nee, das haben wir hier schon in der Regelförderung", dann wird die Idee nicht weiter verfolgt, sondern der Ideengeber*innen an die entsprechende Stelle im Fachamt verwiesen. Aber wenn das Fachamt die Idee für gut und förderwürdig hält, dann gebe ich das als Rückmeldung zur*m Fördernehmer*in und das Projekt kann - meist unter Auflagen - umgesetzt werden. Dann bin ich Förderstelle. Wenn ich sage, das Projekt ist in Ordnung, aber vielleicht sollte man das an bestimmten Punkten noch modifizieren, dann sollte das auch so gemacht werden. (lacht)


Welche Rolle spielt der Senat dabei? Die Senatsverwaltung ist ja in den Ausschüssen und Auswertungsrunden oft beteiligt?

Die Senatsverwaltung hat den gesamtstädtischen Blick auf das Quartier. Sie koordiniert die QMs im gesamten Stadtgebiet, gibt die grobe Richtung vor und hofft, dass alle QM-Gebiete ähnlich bearbeitet werden. Aber das ist nicht immer so, weil die Gegebenheiten in den einzelnen QMs doch sehr unterschiedlich sind und natürlich auch die Menschen, die dort wohnen. Wir haben sehr lange dafür gekämpft, dass Vertreter*innen der Quartiersräte mit in die Steuerungsrunden kommen, am Ende haben wir das einfach gemacht. Die Senatsverwaltung hat das anfangs nicht so richtig gerne gesehen. Gerade die Quartiersrät*innen im Sparrplatz haben viel von diesen Entscheidungsprozessen aus den Steuerungsrunden ins Quartier hinein getragen. Das war absolut hilfreich. Klar, es gibt bestimmte Sachverhalte in den Steuerungsrunden, die sind verwaltungsintern. Die werden bilateral nach der großen Runde besprochen.


Was macht das Gebiet um den Sparrplatz zu einem besonderen Gebiet?

Der Sprengelkiez hat unheimlich gewonnen durch den Sprengelpark. Ansonsten ist es ein Gebiet mit problematischer Sozialstruktur und deswegen ist es ja überhaupt erst QM-Gebiet geworden. Es gibt sehr viele junge Leute dort, gerade im Gegensatz zum Magdeburger Platz, wo viele Künstler*innen und "gesetztere" Leute wohnen. Das Gebiet ist jünger und studentischer als viele im Umfeld.


Wie ist die Zusammenarbeit mit den großen Institutionen ringsum - z.B. Atze Musiktheater, Beuth Hochschule, Bayer, Karstadt, Virchow Krankenhaus, Prime Time Theater? Wie beeinflusst das den Kiez?


Wir haben ganz lange versucht, mit diesen "Big Playern" ins Geschäft zu kommen, Kontakte zu knüpfen und zusammen zu arbeiten. Wir haben z.B. angefragt, ob die "Big Player" Praktikumsplätze für Schüler*innen aus dem Gebiet anbieten und andererseits angeboten, dass das QM z.B. über freie Wohnungen informiert, damit Mitarbeiter*innen zu uns in den Kiez ziehen. Das ist nicht so gut gelaufen, weil die Leute nicht unbedingt am Arbeitsplatz wohnen wollen. Vielleicht liegt es auch an der sozialen Kontrolle, die man in der Nähe des Arbeitsplatzes wohnend empfinden würde. Mit Ausnahme des Atze Musiktheaters, mit denen wir einige Projekte an den Schulen hatten, haben wir nicht so richtig viel Kontakt zu den "Big Playern" bekommen. Große Institutionen sind da schwerfälliger als Kleine. Und das Prime Time Theater kommt eigentlich aus dem Soldiner Kiez und ist noch nicht so lange im Gebiet.


Es gib im Sprengelkiez eine sehr lebendige Akteursszene. Wie ist das für den Kiez?


Das ist schon toll. Die Frage ist nur, was mit denen passiert, wenn das QM weg ist. Für einige war das QM Starthilfe, viele haben ein bisschen Förderung bekommen. Das sind nicht die, die das große Geld bekommen, weiß Gott nicht. Aber für so kleine Projekte haben kleine Zahlungen oft eine viel größere Wirkung als große Summen bei großen Akteur*innen. Und wenn das kleine Geld dann wegfällt, dann ist es schwer für diese Vereine.


Wie finden Sie die Entscheidung, dass das QM-Gebiet Sparrplatz verstetigt wird?


Ich war ein bisschen verwundert, dass der Sparrplatz auch entlassen wird. Ich vergleiche das Verstetigen der QM-Gebiete immer mit einem Krankenhaus. Wir haben ein Krankenhaus mit 34 Patient*innen und 34 Betten. Die 34 Patient*innen sind die 34 Berliner QM-Gebiete. Und wenn da noch zwei Patient*innen kommen, dann müssen zwei Patient*innen gehen. Es werden die entlassen, die am wenigsten krank sind, das heißt noch lange nicht, dass sie gesund sind. Die QM-Gebiete sind ja ohnehin schon die Gebiete, die belastet sind in Bezug auf Erhalt von Transferleistungen, Kinderarmut, Personen mit Migrationshintergrund und so weiter. Und man vergleicht dann die Gebiete untereinander anstatt sie mit den Gebieten zu vergleichen, denen es besser geht oder mit Gesamtberlin. Das ist eine Entscheidung der Senatsverwaltung: Unter den Blinden ist der Einäugige König. Ich denke, noch zwei Jahre hätten dem Sprengelkiez gut getan, aber jetzt ist die Entscheidung gefallen und wir müssen damit umgehen. Wir haben ja weiterhin das SprengelHaus und wenn wir dann einen so genannten "Kümmerer" (Stadtteilkoordinator*in) bekommen und noch ein bisschen Geld, dann sind wir vielleicht gar nicht auf einem so schlechten Weg.


Gibt es denn schon eine Summe oder eine Stellenbe- oder ausschreibung für den "Kümmerer"?


Also das wird jetzt kompliziert. Es gibt 10 Bezirksregionen in Mitte. Jede dieser Regionen erhält die Finanzierung für eine*n Stadtteilkoordinator*in und zwar ab 2017. Einer dieser Stadteilkoordinator*innen wird im SprengelHaus tätig sein. Diese*r Stadtteilkoordinator*in wird nicht ausgeschrieben, sondern im Rahmen der Weiterentwicklung der Nachbarschaftseinrichtungen (Stadtteilzentren) zur intermediären Stadtteilkoordination eingesetzt, damit eine Kontinuität der Arbeit gewährleistet ist. Zusätzlich bekommt jede Region für kleine Projekte jeweils 5.000 als Stadtteilkasse, ungefähr entsprechend dem ehemaligen Aktionsfonds.


Im Sprengelkiez wurde durch die QM-Förderung baulich relativ viel verändert: Sprengelpark, Pekinger Platz, Sparrplatz, das Nordufer usw. War das von Beginn an so vorgesehen oder hat sich das im Laufe der Förderung ergeben?


Es war durchaus Teil des Plans, bauliche Maßnahmen durchzuführen, um das Gebiet aufzuwerten. Die Bauprojekte sind eben einfach nachhaltig. Von einem Sprengelpark profitiert das Gebiet länger als von einem Töpferkurs, zumal der Park ja auch für breitere Schichten ein Zugewinn ist. Andere Projekte sind oft doch sehr spezifisch.
Der Ehrlichkeit halber muss ich aber auch erwähnen, dass der Umbau des Sprengelparks nicht aus QM Mitteln finanziert wurde, sondern eine Ausgleichs- und Ersatzmaßnahme der Bahn ist. Aber der Bürgerbeteiligungsprozess zur Parkgestaltung wurde über das QM finanziert.


Denken Sie, dass die QM-geförderten Bauprojekte zur gestiegenen Attraktivität des Sprengelkiezes beigetragen haben?


Ganz bestimmt. Schon vor vielen Jahren haben die Immobilienfirmen mit "Wohnen am Sprengelpark" geworben, als sie Wohnungen im Seitenflügel Kiautschoustraße vermieten wollten.


Viele Projekte werben ja viel ehrenamtliches Engagement ein und aktivieren das auch. Und es entsteht dort auch was, zum Beispiel eine Zeitung. Die Bürgerredakteur*innen fühlen sich jetzt ein bisschen hängen gelassen, weil sie in unserem Beispiel Druck und Layout nicht aus eigener Tasche bezahlen können. Gibt es da eine Perspektive?


Es gibt, soweit ich weiß, für dieses Projekt erst mal nichts. Inwieweit die sogenannten "FEIN-Mittel" (Freiwilliges Engagement In Nachbarschaften) vom Senat hier mit hinzugezogen werden, weiß ich nicht. Zur Zeit befinden sich die Anträge in der Überarbeitungs- und Abstimmungsphase.
Die Senatsverwaltung ist kein Freund von gedruckten Zeitungen ohne Bürgerredaktion, das ist an Ihrem Beispiel Bürgerredaktion anders. Ich hingegen finde Zeitungen super, man erreicht andere Bevölkerungskreise als nur die, die im digitalen Netz unterwegs sind. Klar, die fehlende Finanzierung für Druck und Layout könnte ja auch durch Sponsoring, Spenden oder Anzeigen kommen. Aber dafür ist das Gebiet einfach nicht potent genug. Und an den wenigen möglichen Spender*innen kratzt dann auch der ganze Kiez, um was zu bekommen.


Welche Sachen aus der Förderung im Sprengelkiez bleiben Ihnen in Erinnerung?


Es gab ganz viele Projekte, die gut gelaufen sind. In den Schulen, in den Kitas, Gesundheits- und Bewegungsprojekte etc., da möchte ich keines hervorheben.
Es gab aber auch ein Projekt, wo die Fördernehmer*innen sehr frustriert waren und gesagt haben: "Wir haben unser Bestes gegeben, aber wir sind nur ausgenutzt worden. Sobald wir eine bestimmte Bescheinigung ausgestellt haben, haben wir unsere Projektteilnehmer nicht mehr gesehen." Das ist ein Projekt, wo wirklich auch mal ehrlich gesagt wurde, wo Grenzen sind. Das habe ich bei vielen anderen Projekten vermisst. Um welches Projekt es sich dabei handelt, ist egal. Es gibt viel Projekte, bei denen negative Fakten, die es sicher in jedem Projekt gibt, einfach nicht dokumentiert wurden. Und wenn man keine negativen Fakten hat, kann man auch nicht gegensteuern. Die Ehrlichkeit in diesem Punkt ist ausbaufähig.


Woran liegt das? Wähnen die Projekte sich unter solch hohem Erfolgsdruck oder stehen sie wirklich darunter? Oder wollen sie sich ein Scheitern in bestimmten Punkten nicht eingestehen?


Es ist sicherlich ganz natürlich, dass man das Positive ein wenig herausstellt und auf das Negative nicht so eingeht.


Im Sprengelkiez gibt es ja die besprochene sehr aktive Akteursszene. Die andere Seite ist, dass sich die Teilnahme an vielen Veranstaltungen – ich denke da zum Beispiel an die Informationsreihe "Verstetigung" – auf diese Akteursszene beschränkt. Warum funktioniert die Aktivierung über diesen Personenkreis hinaus nicht so gut?


Ich weiß es auch nicht. Ich wundere mich auch, dass es nach 15 Jahren Menschen gibt, die das QM nicht kennen. Ich denke mir, es hat viel damit zu tun, dass die Mehrzahl der Projekte und Veranstaltungen tagsüber stattfindet, sodass man einen Großteil der arbeitenden Bevölkerung nicht erreicht. Viele Projekte werden sicher auch gar nicht als QM-gefördert wahrgenommen, da fehlt dann der Bezug dazu, etwa beim Familiensportfest im Sprengelpark oder bei vielen Schulprojekten.


Wie sehen Sie die Zukunft des Sprengelkiezes, wie sehen Sie ihn in 10 Jahren?


Die Gentifizierung wird auch vor dem Sprengelkiez nicht Halt machen. Aber das ist kein Phänomen des QM, das ist eine gesamtstädtische Entwicklung. Vor 10 Jahren gab es auch schon das QM im Sprengelkiez und es gab noch bezahlbare Wohnungen.
Ich bin ein bisschen enttäuscht, wie der Sprengelpark schon wieder aussieht. Dass da bestimmte Sachen nicht vernünftig gepflegt werden oder dass bewusst Dinge beschädigt werden. Erkenne ich da eine Verwahrlosungstendenz? Ich weiß es nicht. Aber natürlich wünsche ich dem Kiez nur das Beste und vielleicht findet er ja einen Mittelweg zwischen diesen beiden Extremen.

 


Interview: Johannes Hayner
Foto: Sophie Rothbarth







 
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