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    Mit diesem unkomplizierten Fördertopf werden wie immer kleinere Maßnahmen möglich, die aber durchaus eine große Wirkung haben können. Es können noch Projektideen eingereicht und gefördert werden. Jetzt bewerben! [mehr]
Montag, 15.10.2007

Die Schnittmenge der Parallelen: Die Multi-Kulti-Gesellschaft

Bah
Foto: Mohamed Bah

Ein Unwort, ein Schimpfwort: Parallelgesellschaft. Vor allem türkischen Mitbürgern, zunehmend auch arabischen, wird vorgeworfen, Parallelgesellschaften zu bilden. Was ist das eigentlich? Gibt es eine Parallelgesellschaft, kann es sie geben?

Parallel sind zwei Geraden, wenn sie in die selbe Richtung in immer gleich bleibendem Abstand verlaufen. Logischerweise berühren sich diese Geraden nie. Entwickeln sich beispielsweise türkische Gemeinden „parallel“ zur deutschen Gesellschaft – in die selbe Richtung? Dies darf angezweifelt werden. Ist der Abstand immer gleich? Auch dies darf angezweifelt werden. Von Generation zu Generation werden die Abstände zwischen Teilen der türkischen Gemeinde einerseits und der deutschen Gesellschaft andererseits teils größer, teils kleiner. Was also ist eine Parallelgesellschaft?

In der Tat meinen wir mit Parallelgesellschaft einfach eine „Ghettobildung“. Das hat es schon immer gegeben, wird es wohl auch immer geben. Das Problem bei einem Ghetto ist, dass in dieses Areal „andere“ nicht hineinpassen. Sie verstehen die Sprache nicht und fühlen sich sogar bedroht. Auch Afrikaner neigen mittlerweile zur „Ghettobildung“. Während die Afrikaner, die in den 80er und 90er Jahren oder gar früher nach Deutschland eingewandert sind, sich zumindest sprachlich bestens integriert haben, gibt es in der neueren Zeit immer mehr Afrikaner, die sich kaum auf deutsch verständigen können. Das Geheimnis liegt in der zunehmenden Zahl der Afrikaner und in der sozialen Netzwerkbildung. Auch bei Afrikanern lässt sich feststellen, dass deutlich mehr Frauen als Männer der deutschen Sprache nicht ausreichend mächtig sind. Der Mann, die Kinder, andere kümmern sich um die familiäre Außenpolitik. Die Frau kümmert sich um die Innen- und Haushaltspolitik. So gesehen möchte man fast die jüngsten Änderungen im Zuwanderungsgesetz zum Familiennachzug verstehen. Zumindest aus politischer Sicht.

Als bedrohlich empfindet der Deutsche diese Entwicklung nicht. Die Zahl und oftmals das Sozialverhalten der „Ghetto-Türken“ ist für ihn viel bedrohlicher. Deshalb wird die Entwicklung in der afrikanischen Community gar nicht wahrgenommen. Man wird wohl die Fehlentwicklungen erst wahrnehmen, wenn es viel zu spät für halbherzige Korrekturen ist. Und dann werden Milliarden verteilt, um das Gewissen zu beruhigen.

Aber sind Ghettos denn wirklich so schlecht? Ein Blick auf Bezirke wie Kreuzberg, Neukölln oder Wedding in Berlin zeigen einerseits eine erhöhte Kriminalität. Aber die findet man auch in Ostberliner Bezirken. Ein genauer Blick nach Wedding und Co. zeigt jedoch, dass sich die in diesen Bezirken lebenden Ausländer hier sicherer fühlen als vielerorts – vor rassistischen Übergriffen. Sie haben sich miteinander arrangiert, die Araber, Türken, Afrikaner, Chinesen, Vietnamesen und Inder. Die meisten Kunden des Pakistani sind Afrikaner, beim Afrikaner kaufen dann Deutsche ein, zum Türken gehen sie alle, und zum Inder, na zu dem auch, hat das Bollywood-Fieber doch alle gleichermaßen angesteckt. In der Außenwelt ist dieser Mikrokosmos meist aus einem ganz anderen Grund verschrien und wird als Wohnort von Deutschen eher gemieden: Die geringe Kaufkraft der Bewohner, die mit der Zeit soziale Spannungen mit sich bringt. Wie viele linke Gruppen doch immer wieder beschwören: Grenzen verlaufen nicht zwischen Völkern, sondern zwischen sozialen Gruppen. So gibt es schließlich auch „Ghettos“ der Rechten, der Linken, der Akademiker und so weiter. Nichtdeutsche aus Multi-Kulti-Vierteln, die als Parallelwelten bezeichnet werden, rackern sich ab, um in die anderen „Ghettos“ ziehen zu können. Das machen sie nicht, weil sie etwas gegen ihren afrikanischen oder indischen Nachbarn im Kiez haben, sondern weil sie für ihre Kinder (und sich selbst) die besten Chancen wollen. Dieser Wunsch ist wahrscheinlich die einzige Gemeinsamkeit, aus der sich eine Gerade ableiten lässt. Ansonsten haben die Striche, die die unterschiedlichen in Deutschland lebenden Völker symbolisieren, zu viele Wendungen und Knicke an unterschiedlichen Stellen, als dass sie parallel verlaufen könnten. Schnittpunkte und –mengen ergeben sich von ganz alleine.

Text/Bild: Dilek Kameni