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Autorenlesung: Barbara Keller liest aus ihren Gerichtsreportagen

Im Rahmen von MAIL ART WEDDING gibt es am Samstag, den 11.11. 2006 in der Osterkirche ein kleines kulturelles Highlight der besonderen Art: eine Autorenlesung mit Barbara Keller.
Die freiberufliche Journalistin und Autorin, unter anderem tätig für die Berliner Morgenpost, Tip, Zitty und die Märkische Allgemeine wird aus ihren Gerichtsreportagen vorlesen. Barbara Keller, die an der Humboldt-Universität Berlin neuere und neueste Geschichte sowie neuere deutsche Literatur studierte, hat sich auf Berichte aus dem Kriminalgericht Moabit spezialisiert. So ist im Laufe der Jahre eine Sammlung an Reportagen und Berichten entstanden, die ihresgleichen sucht. Frau Keller begleitet als aufmerksame Beobachterin die Verhandlungen vor dem Kriminalgericht.
Es zeigt sich, dass die Realität oft die Phantasie so manches Kriminalautoren einholt und surft man auf den Webseiten von www.berlinkriminell.de der Autorin, so stellt sich schnell heraus, dass es strafbares Handeln in allen Bevölkerungsschichten gibt, und - wer hätte das gedacht - selbst der eine oder andere Politiker muss am Ende seiner Laufbahn schon mal in Moabit auf höflicher Einladung einer dortigen Kammer als Beschuldigter erscheinen. Wenn Frau Keller das Gerichtsgeschehen in Worte fasst, bedient sie sich einer Sprache, die sachlich und genau ist. Mit einem guten Sinn für die juristischen Abläufe werden die Gerichtsverfahren, die sie als Reporterin verfolgt geschildert, ohne dass Barbara Keller dabei das Gespür für die agierenden Personen im Gerichtsprozess vegisst. Zeugen, Beschuldigte und Opfer werden vorgestellt und ihr Auftreten bei Gericht deutlich in allen Nuancen geschildert. Die einzelnen Reportagen sind spannend zu lesen und - das ist wohltuend - nicht reißerisch oder künstlich aufgebauscht.
So schreibt die Autorin selbst: "Meine 'Kunst', das sind meine Gerichtsreportagen der Jahre 2004-06, die beweisen, dass auch im Berliner Wedding der Kelch nicht selten bis zur bitteren Neige geleert wird. Mord und Totschlag, Raubüberfall, internationaler Drogenhandel, Vergewaltigung, Todsünde Graffiti - der Wedding hat alles. Manches davon erscheint tragisch-komisch: die Oma, die nach 50 Jahren Ehe 'blankzieht', Mutter und Tochter, die in Nachahmung einer Gerichtssendung im Fernsehen eine Schleckerfiliale ausrauben (Beute: 150,-- €), eine Krankenschwester, die nachts Polizeibeamte 'schleicht'. Dann bleibt einem aber doch das Lachen im Hals stecken, denn es sind die lieben Nachbarn, die wegsehen und -hören, wie sich Nachbar M. im Parterre jahrelang eine Sexsklavin hält. - Ja, auch das gibt es im ansonsten sympathischen Wedding. Meine ganze Hochachtung und mein heißer Dank jenen Berliner Polizeibeamten, die für den gemeinen Bürger und den Weddinger im speziellen ihre Haut hinhalten und dabei Mensch bleiben! Danke auch jenen Berlinern und Weddinger Pflanzen, die in dieser heißen Zeit die Contenance und ihren Humor nicht verlieren.
Und hier nun eine kleine Leseprobe einer Gerichtsreportage aus dem Frühjahr 2006:
"Im Stundentakt" von Barbara Keller

Abb: Einsendung zu MAIL ART WEDDING von Zilling
15. März 2006. AG Tiergarten. Abt. 274 - Schöffengericht. Das New Yorker Nightcourt ist das Schöffengericht des Amtsgerichts Tiergarten gewiss nicht, und es arbeitet auch nicht im nächtlichen Viertelstundentakt wie sein Pendant hinter dem großen Teich. Aber beide Gerichte verhandeln Anklagen ähnlicher Couleur. Anklagen, die mit Verurteilungen zu Haftstrafen, wenn, dann in der Regel unter zwei Jahren enden. - Ein Tag an einem Schöffengericht des Amtsgerichts Tiergarten.
Bei den Prozessachen geht es zumeist um Eskalationen von Bagatellkonflikten auf der Straße und in der Nachbarschaft, um Delikte von auf kleiner Flamme kochenden Kleinkriminellen, um erste Gehversuche von Gewohnheitsstraftätern in spe und im besten Fall um Ausrutscher.
Auf dem Plan des Schöffengerichts der Abteilung 274, dem am 15. März 2006 die Richterin Conrad vorsitzt und dem Staatsanwalt Krause zugeordnet ist, stehen sechs Verhandlungen. Eine gefährliche Körperverletzung, zwei Anklagen wegen Betrugs, ein Verstoß gegen das Waffengesetz, eine Sachbeschädigung und ein Diebstahl mit Waffen.
Arbeitsamt zahlte nicht
Andre F. (28) blickt finster in die Welt. Er scheint von abgrundtiefer Trauer erfüllt, für sein Alter wirkt er viel zu jungenhaft. Seit einem Jahr ist er in Berlin, seit 1995 überhaupt in Deutschland. Er lebt von 670 Euro Hartz IV-Zuwendungen, in denen die Miete schon enthalten ist. Er hat Außenstände beim Bezirksamt und hofft, nach einem Computerlehrgang auf einen Job im Büro, "oder so", sagt er.
Andre F. spricht mit schwerem russischen Akzent, als er erklärt, dass er das Küchenmesser mit der sechs Zentimeter langen Klinge bei seinem Diebstahl bei Woolworth nur deshalb im Ärmel trug, weil es ihm sonst die Tasche zerkratzt hätte.
Geklaut: Portemonnaie, Handy, Rasierklingen
Drei Diebstähle in der Müllerstraße im Wedding legte der gelernte Holzarbeiter und Schlosser im März 2005 hin. Er nimmt ein Portemonnaie für 9,99 € aus der Auslage bei Woolworth, er stielt ein Handy für 49,90 € und später Rasierklingen für 11,45 € bei Karstadt. Warum? "Ich war wirklich verzweifelt", sagt er. Seit Beginn des Jahres blieben die Zahlungen des Arbeitsamtes aus. Wegen eines Computerproblems.
Das kann man sich gut vorstellen. Das stundenlange Warten auf den verräucherten, öden Fluren. Die sprachlichen Missverständnisse mit den überarbeiteten, wenig verständnisvollen Arbeitsamtsmitarbeitern. - Aber warum ein Handy, Rasierklingen, eine Geldbörse?
Kein "allerallerallerletztes Mal"
Richterin Conrad sagt dann auch: "Ich glaube das nicht. Sie hätten die Sachen sicher auch so entwendet." Und sie weiß: Andre F. ist nicht einschlägig aber zweifach vorbestraft. Wegen gefährlicher Körperverletzung erhielt er eine zwölfmonatige Haftstrafe auf Bewährung, ein Jahr später noch einmal für dasselbe Delikt dasselbe Strafmaß. Die Diebstähle beging Andre F. innerhalb der letzten Bewährungszeit.
Trotzdem sein Rechtsanwalt "ein allerallerallerletztes Mal" um eine Bewährungsstrafe bittet, "mehr als darum bitten kann ich nicht", muss Andre F. jetzt für ein Jahr unwiderruflich hinter Gitter. Eine positive Sozialprognose sehen weder Staatsanwalt noch Richterin. Andre F. schleicht schwer und traurig von dannen.
mehr über Barbara Keller unter: www.berlinkriminell.de





