Aktuelle Veranstaltungen
Psychologische Auswirkungen rassistischer und diskriminierender Gewalt auf Migranten
Top Themen
Sarrazin: Ignorieren oder diskutieren?

- Miteinander reden - Vorurteile abbauen. Foto: Anne Wispler
Ein Thema dominiert derzeit die öffentliche Diskussion: Thilo Sarrazin kritisiert in seinem neuen Buch "Deutschland schafft sich ab" eine angebliche strukturelle Integrations- und Bildungsunwilligkeit oder -unfähigkeit bei muslimischen Einwanderen und ihren Nachkommen. Auch droht er mit dem Bild einer hohen Geburtenrate in bildungsfernen Familien. Seine Äußerungen sind nicht gerade politisch korrekt.
Am 29.08.2010 gab es ein Interview mit dem umstrittenen Bundesbanker und Autor, der sich selbst als einen ursprünglichen "Integrationsoptimisten" bezeichnet, und den laut eigener Aussage die Erfahrungen seiner Frau im Berliner Schuldienst zum Umdenken brachten.
Nachzulesen und nachzuhören ist das Interview unter:
http://www.dradio.de/dlf/sendungen/idw_dlf/1259519/
Soll man nun die Moschee im Dorf lassen und erst einmal die Thesen auf Stimmigkeit prüfen? Oder wären wir damit schon der polemischen Rethorik Sarrazins auf den Leim gegangen? Wenn jemand anfängt, von genetischen Unterschieden bei Bevölkerungsgruppen zu reden, kann man dann überhaupt noch ernsthaft diskutieren? Zu einer fundierten Diskussion gehören Hintergrundinformationen. Wir haben einige Internetlinks zusammen gestellt und weiter unten einen Kommentar von Quartiersrat Siemen Dallmann angefügt.
Fakt ist: In Deutschland leben derzeit etwa 3,8 bis 4,3 Millionen Muslime, das sind zwischen 4,6% und 5,2 % der Gesamtbevölkerung. Damit bildet der Islam in Deutschland die zahlenmäßig größte Konfession hinter den zwei großen christlichen Glaubensgemeinschaften der Protestanten und Katholiken. Und Bildung ist heute stärker eine Frage der sozialen Schicht. Hier gibt es viel zu tun.
Mit den Quartiersmanagements in Berlin und überall in Deutschland wird seit 1999 versucht, die Chancen und die Integration auch in sogenannten "Stadtteilen mit besonderem Entwicklungsbedarf" zu verbessern. Wie weit das gelingt, hängt auch vom aktiven nachbarschaftlichen Zusammenleben ab und davon, wie weit jede/r Einzelne bereit ist, Vorurteile abzubauen.
Tissy Bruns schrieb im Tagesspiegel: "Sarrazins Partei, die SPD, glaubt nicht nur daran, sie hat auch bewiesen, dass der Sohn einer Putzfrau Kanzler werden kann. Längst gibt es in Deutschland die Rechtsanwältin, die Publizistin, die Schriftstellerin, die als Töchter analphabetischer muslimischer Mütter aufgewachsen sind. Den Tellerwäschertraum kann keine Demokratie ungestraft aufgeben."
Einige von Sarrazins Thesen checkte das Portal N24 gegen:
http://www.n24.de/news/newsitem_6297216.html
Auch die Zeit überprüfte seine Aussagen:
http://www.zeit.de/gesellschaft/2010-08/sarrazin-bildung-faktencheck
Weitere Links zum Thema Integration:
Ein Informationsangebot der Bundesregierung:
http://www.integration-in-deutschland.de/
Die Heinrich-Böll-Stiftung beschäftigt sich u.a. mit Integration:
http://www.migration-boell.de/
Die Islamkonferenz versucht den Dialog herzustellen:
http://www.deutsche-islam-konferenz.de/
Der Berliner Integrationsmonitor 2009:
Text: Anne Wispler
Ein Kommentar von Siemen Dallmann, Quartiersrat für den Sprengelkiez:

- Siemen Dallmann beim Afrikafest 2010. Foto: Aktiv im Kiez e.V.
"Sicher gibt es immer wieder mal Probleme, dort wo Menschen zusammen kommen, auch bei uns im Sprengelkiez. Die Frage bleibt aber doch, wie lösen wir diese Probleme, wie gehen wir damit um? Mit Hetze erreicht man nur, dass sich derjenige zurück zieht und sich und sein Handeln verteidigen muss. Also verändert Thilo Sarrazin mit seinen vorsintflutlichen Äußerungen nichts, eher das Gegenteil wird er erreichen. Seine Auslegungen zu Rasse, Genen und Bevölkerungsgruppen erinnern schon stark an eine Zeit, die die meisten von uns nicht zurück haben wollen. Integration ist keine Sache von Einzelpersonen, zur Integration gehören immer zwei. Nur wenn man aufeinander zugeht, sich die Hand reicht und miteinander redet, wird Integration funktionieren.
Natürlich muss man Probleme auch ansprechen dürfen, aber dann auch gemeinsam nach Lösungen suchen. Laut Wikipedia bedeutet Integration übrigens so viel wie "Zusammenfügen und Zusammenwachsen" zu einem Ganzen. Lasst uns im Sprengelkiez weiter im Gespräch bleiben, und lassen wir uns gegenseitig zum Kennenlernen einladen. Eine wirkliche Integration, Anerkennung und Respekt kann es nur geben, wenn man sich auch kennt. Ein Kennenlernen ist nur möglich, wenn Gespräche und gemeinsame Aktivitäten stattfinden.
Meiner Meinung nach muss der Begriff Integration noch viel weiter gefasst werden, er betrifft nämlich uns alle. Es wäre doch schön, wenn alle Bewohnerinnen und Bewohner, egal ob in Arbeit oder ohne, egal ob alt oder jung, egal ob Mann oder Frau, egal ob mit oder ohne Behinderung, egal aus welcher Kultur oder Religion, egal ob hetero- oder homosexuell, im Sprengelkiez sagen könnten: 'Wir sind integriert, ich bin integriert'. Erst dann ist der Sprengelkiez ein Ganzes und jeder von uns ist ein Teil vom Ganzen."
Siemen Dallmann, Quartiersrat für den Sprengelkiez





